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„Wenn ich alles für alle löse, darf ich sein.“ Wie unser frühes Erleben in unsere Beziehungen im Hier & Jetzt hineinwirkt.

„Ich bin da! Du musst Dich nicht anstrengen um den Kontakt zu halten!“

Wie unser frühes Erleben in unsere Beziehungen im Hier & Jetzt hineinwirkt.

Eine Heilegeschichte aus meiner Praxis, die aufzeigt wie sich unser frühes Erleben, insbesondere unsere Bindungsthemen, weiterhin in unser Hier & Jetzt hinein auswirkt.

In diesem Beispiel geht es im Kern darum, dass Kontakt/Beziehung immer eine grosse (innerliche/meist unbewusste) Anstrengung bedeutet, um in Beziehung bleiben zu dürfen. „Wenn ich mich abrackere, wenn ich meinen Raum aufgebe, gibt es vielleicht Kontakt“. Und für die frühe Realität in uns bedeutet Kontakt, Orientierung und damit Sicherheit und Überleben. Ich bin ok, ich darf sein.

Wenn sich dieses präverbale, somatisch abgespeicherte Muster in unser Hier & Jetzt hineinwirkt, kann es sein, daß wir disproportional zu einem Auslöser, der uns an unser frühes Alleingelassen oder überflutet werden erinnert mit Panik, Wut oder einer inneren Anstrengung reagieren. Zum Beispiel, wenn Dein Partner gerade ein Umarmung ablehnt, weil er/sie keine Zeit hat; wenn Du nach einem Date eine SMS geschrieben hast, aber stundenlang keine Antwort erhälst oder wie in diesem Beispiel, wenn Klienten die Therapie abrupt abbrechen. Oft sind wir uns nicht bewusst, daß dies nur der Auslöser war, nicht aber die Ursache!

Meine Klientin arbeitet selbst im therapeutischen Kontext. An diesem Morgen wirkt sie nicht gut bei sich, ist leicht dissoziiert und der noch assoziierte Anteil ist aufgeregt, flirrig.

Sie berichtet, dass sie Schwierigkeiten damit hat, wenn Klienten die Therapie abrupt abbrechen und wie sie in Folge versucht diese Klienten zumindest zu einer abschliessenden Sitzung einzuladen. Ich höre ihr zu und spüre während dessen schon eine wahnsinnige unterliegende Anstrengung in ihr, die mit ihren Worten und ihren Klienten nichts zu tun hat.

Was für meine Klientin (und auf ähnliche Weise bei uns allen) Verwirrung und Knoten schafft ist, daß sich hier zwei Ebenen vermischen und wir zwischen Auslöser und Ursache nicht unterscheiden können.

Zum einen ist es natürlich wichtig bei einem Klienten nachzuhaken bzw. Sitzungen oder ein Therapie -Ende zu begehen. Was aber die Anstrengung disproportional erhöht, ist das, was aus unseren frühen Zeit wirkt und sich in Glaubensmuster wie: „Wenn ich wirksam bin, bin ich in Sicherheit.“ Oder „Ich muss mich anstrengen, um alles gut und richtig zu machen; alles für alle lösen, dann darf ich sicher sein…“ widerspiegelt.

Was meine Klientin triggert ist der gefühlte ‚Kontaktabbruch‘. Das kennst sie aus ihrer Kindheit: In der Kindheit entsteht oft ein Muster, für das wir noch gar keine Worte haben: Wenn ich so bin wie ich bin, dann bin ich eine Last, dann werde ich abgelehnt, dann geht es Mama schlecht, dann werde ich bestraft etc…

Nach unserem Gespräch und einem ersten Innehalten, um den Körper etwas mehr zu spüren, lade ich sie ein sich auf meine Liege zu legen. Ich lasse ihr Zeit um dort zu landen und helfe ihr ein stückweit mehr in die Assoziation zurück.

Nach einiger Zeit zieht es mich zum Kopfende. Ich nehme dort Platz und möchte ihre Schultern berühren, aber nehme war wie die rechte Schulter eine Abwehrhaltung gegen meine Berührung einnimmt. Sie zieht sich ganz nach oben, als würde sie sagen wollen: „Geh weg!“ Meine Klientin nimmt dies auch wahr. Ich könnte jetzt darüber hinweg gehen, aber das ist etwas, was wir schon jahrelang gemacht haben bzw. was mit uns gemacht wurde. Ständig wurden Grenzen und Räume überschritten und der wesen-tliche Flow gestoppt.

Ich verändere meine Position zur Seite hin, habe etwas mehr Abstand und sage dann der Schulter, dass ich sie sehe und ihr Bedürfnis anerkenne und dass ich nichts machen werde, was sie nicht möchte. Daraufhin lösen sich ein paar Tränen bei meiner Klientin. Als Nächstes möchte ich noch ein wenig mehr erforschen welcher Abstand, welche Position der rechten Schulter zusagt, wann sie sich entspannen kann. Je weiter ich weg gehe, desto mehr Erleichterung und Entlastung zeigt sich zunächst. Das ist auch daran erkennbar, dass meine Klientin öfter und tiefer durchatmet. (Parasympathischer Shift)

Dann gehe ich noch ein bisschen weiter weg und meine Klientin berichtet, dass sich ihr rechter Arm und ihre rechte Hand gerade total verspannt. Ihr Arm wirkt auf mich plötzlich wie ein kleines Babyärmchen. Sie sagt, ihre linke Seite ist freier.

„Was würde die rechte Hand gern tun, wenn sie könnte?“.

Als Antwort zeigen sich Tränen, dann ein leichtes Zittern im Arm und schliesslich eine langsame halbkreisförmige Bewegung zur Seite und dann Richtung Kopf.

Ich begleite, in dem ich benenne, was ich sehe und immer wieder zur Langsamkeit einlade: „Ja, so ist es gut…..es ist alles okay……wir können das jetzt ganz in Ruhe machen…!“ Dabei zittert der Arm und die Hand ordentlich (Entladung). Ihr Arm, der ja eher wie ein Ärmchen auf mich wirkt, bleibt oben liegen. Es gibt eine Pause, ein durchatmen.

Dann macht sich der Arm wieder auf den Weg zurück, aber diesmal ist die Qualität anders: Er hat etwas Suchendes. Die Handfläche ist offen und nicht zur Faust geballt und streckt sich in den offenen Raum als wenn er sagen würde: „Wo bist Du?“ Ich spreche mit der Hand wie mit einem Baby: „Hallo!…Ja, ich sehe Dich….da bist Du ja…!“ Und dann folge ich meinem Impuls ihrer Hand meine Hand anzubieten. Ihre Hand greift fest zu, drückt meine Hand. „Ja, ich bin da…..genau….ich bin da! Es ist alles okay!“ Es kommen Tränen und ich sage nach einer Weile: „Hey, weisst Du, Du musst Dich nicht so anstrengen um unseren Kontakt zu halten, ich bleibe da…!“ Jetzt bebt und zittert fast der ganze Körper. Ihre wahnsinnige Anstrengung kann sich entladen. Ihre Hand hält meine weiterhin, aber der Druck lässt nach.

Nach einer ganzen Weile, kommt in ihr der Impuls auch mal loszulassen. Ich sage:“ Ja okay, wollen wir das mal erforschen? Ich bleibe da, du darfst jederzeit zurück kommen.“ Ich benenne wieder, was ich sehe: „Ja, du darfst Dich bewegen, …in dein Leben gehen…“ Nochmals zeigt sich Trauer, aber auch Rührung. Dann nimmt sie ihre Hände zu ihrem Herzen, während ihr Körper im Zittern nochmals etwas an Ladung gehen lässt und es langsam immer friedlicher wird.

Sie ist nun ganz bei sich und im Hier & Jetzt gelandet.

 

Artwork: Tamara Romaniuk @tamararomaniuk.com

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